Frieden, Karneval und Tod…

Wir queren die Grenzen von La Paz, der Stadt die übersetzt ‚der Frieden‘ heisst und fahren noch lange bis wir endlich am Busbahnhof angekommen sind. Eine Stadt in über 3.500 Meter Höhe zeigt sich uns. Eine einfache ärmliche Stadt mit ca. 1 Millionen Einwohnern. Unser Hostel liegt gefühlt mitten in der Vergnügungsmeile der Stadt. Kneipen, Bars, Friseure, Discotheken, Grillbuden, augenscheinlich Bordelle, Kioske und andere Orte die zu diesem Bild passen.

Ob das eine gute Wahl war ??

Werbung ist alles.

Wir erkennen schnell, das es eine gute Wahl war. Wir wohnen zentral und haben alles notwendige in unerer Nähe. Das Hostel ist top abgeschiermt gegen die Geräusche des Vergnügungsmeilenalltags und der Nacht.

Innenhof des Hostels.

Unsere ersten Spaziergänge in La Paz erwecken den Eindruck, das es mehr Menschen gibt die etwas verkaufen, als Käufer vorhanden sind. Jeder versucht am Leben zu sein und zu bleiben. Verkauft wird einfach alles in kleinen knüseligen Geschäften oder einfach auf der Straße auf einer Plane sitzend. Es werden augenscheinlich Unmengen an Obst und Gemüse angeboten. Eigentlich müssten alle satt werden.

Wassermelone auch in gelborange… schmeckt wie rot.
Ich bin reich…
Souvenirs… (der Hut gehört zur Dame und sitzt nicht verkehrt !!)

Mit der Gondel fahren wir in die Nachbarstadt, die nebenan auf einem Berg in ca. 4.100 Metern liegt, namens El Alto. Sie ist größer als La Paz. Dort erhoffen und finden wir einen Trödelmarkt. Was wir finden sind Unmengen an Ramsch, Kleidung, minderwertige Waren und unnötiges. Unseren Besuch halten wir kurz.

Hoch nach El Alto.
Markt mit Karnevalsband die musizierend und trinkend umherzog.
Schneckenschleim… für die Schönheit.
Snack zwischendurch: Gekochte Schlange.

Unsere Fahrt mit der Seibahn zurück zeigt uns ein ungewohntes Bild. Bei näherer Betrachtung erkennnen wir einen Friedhof. Wir steigen aus und machen Halt.

Blick von oben auf den ’sementerio‘.

Die Stirnseiten der Totenhäuser sind häufig bemalt. StreetArt in ungewohnter Athmosphäre. In Deutschland nicht vorstellbar, oder ?!
Kunstvolle Trauer

Es ist Karnevalswochenende. Die Straßen sind voller Menschenmassen. Ein drittel verkleidet. Ein Menschenzug zieht durch die Hauptstraße. Keine Festwagen. Fast jeder hat irgendwas weißes schaumiges am Körper. Das liegt daran das Kinder bis Heranwachsende Spraydosen dabei haben und deren schaumigen Inhalt wild versprühen oder sich gegenseitig damit beschießen. Millionen dieser Dosen müssen es sein, die für kanpp 1,20 € verkauft werden. Direkt neben diesen Ständen werden Regenüberwürfe angeboten. Nicht weil es nach Regen aussieht, sondern es Schaum aus allen Richtungen gibt. Teilweise so überraschend, das Patricia mit nur einem kleinen Sichtloch in der Kapuze die Schaumparty überlebt.

Kostüm gefällig…
…oder vielleicht diese ?
Angebot und Nachfrage.
‚Bürgergarde blaugold‘ in La Paz (im Hintergrund der Wertstoff in Form leerer Sprühdosen).

Am Samstag sind überwiegend Kinder auf der Straße. Sonntags Heranwachsende und an ‚Rosenmontag’ der Rest samt den Spassvögeln von Samstag und Sonntag.

Leergut

Von der Ladefläche eines PickUp, der entspannt durch die Straßen fährt, werfen Kinder unentwegt Wasserbomben. Rücksicht ist nicht zu erwarten. Weicht man ihnen aus, erhält man die Antwort durch aufmerksame junge Karnevalisten in Schuhgröße 35, die mit einer SchaumSprühdose auf solche Momente warten. Irgendeiner erwischt dich immer.

Im gut 100 km entfernten Oruro findet der eigentliche Karneval Boliviens statt. Verkleidete Gruppen, Musikgruppen und auch Festwagen ziehen dort durch die Stadt. In La Paz selbst gibt es fast keinen Fernseher der das Treiben dort nicht überträgt. Selbst in den kleinsten Verkaufsständen findet sich ein TV-Gerät.

Türen stehen offen, egal ob beim Friseur, Kopiershop, Reisebüro oder auch Wohnungstüren. Menschen feiern ausgelassen mit anderen Menschen. Musik ist zu hören. Essen steht bereit. Getränke sowieso. Alles ist mit Konfetti, Luftschlangen und Luftballons geschmückt.

Eine ungewöhnliche Verschwendung fällt uns auf. Das Haus, das Auto, Taxi, Kiosk, Grillstand oder auch nur der kleine Verkaufsstand aus Brettern oder Folie werden mit Bier, Alkohol, Blütenblätter oder reinem Alkohol begossen. Ein kleiner Schluck wird geopfert, um die bösen Geister zu vertreiben und dem Geschäft, der Familie und sich Glück zu bringen.

Die Hoffnung auf Unfallfreiheit und Glück und so…

Alles ist für – Pacha Mama – für Mutter Erde. Als Dank und Bitte auf sie zu achten. Als Opfergabe gibt es zudem Süßigkeitenteller oder … Föten von Lamas.

Opferlama…

Im Geschäft gibt es aber auch Komplettpakete in verschiedenen Größen für jeden Geldbeutel, die alle Zutaten ‚Opfer für Pacha Mama‘ beinhalten. An jeder Ecke gibt es Kracher zu kaufen, die von allen Altersgruppen mit großem Spaß und großer Rücksichtslosigkeit gezündet werden. Wir müssen unsere Augen überall haben um uns vor Schaum, Wasserbomben oder Krachern zu schützen.

Opferteller für Patcha Mama

Unser persönlicher Rosenmontag hat mit Karneval eher nichts zu tun. Er beginnt früher als sonst. Um 0800 werden wir zu sechst abgeholt. Ein holländisches Pärchen welches in der Karibik lebt (auf Curacao für drei Jahre, da er Soldat ist). Ein russisch-ukrainisches Pärchen, welches deutsch spricht, da es in München lebt. Im Kleinbus fahren wir zur ‚Death Road Tour‘.

Wem das nichts sagt, hier ein paar Worte dazu:

In den 90ern berichtete eine große amerikanische Zeitung über diese einspurige Strasse an den Steilhängen der Anden. Durch Erdrutsche, Steinschlag und Regen starben dort viele Menschen, jährlich bis zu 300 Menschen. Sie wurde daher zur gefährlichsten Strasse der Welt gekürt. Viele Medien der Welt griffen den Bericht auf und so verbreitete sich die Legende der „Death Road“ überall. Vor ca. 10 Jahren hat man dann eine neue Straße gebaut, sodass die Unfälle zurückgingen und seither die Biker und örtlichen Bauern die Straße übernahmen.

Auf dieser Straße gilt einzig im Land der Linksverkehr. Dadurch ist es den Fahrzeugführern möglich die Nähe zum Abgrund besser abzuschätzen.

Austieg zur Abfahrt.
Es regnet. Es ist kalt. Es ist schrecklich.

Unterwegs legen wir unsere Schutzkleidung an. Motocrosshelme. Lang-Protektoren an Ellenbogen und Knie. Wasserabweisende Kleidung und Handschuhe. Für alles ist gesorgt. Nur der Regen konnte nicht abgestellt werden. Es regnet zu Beginn ganz unangenehm bei -2 Grad.
Vor uns liegen 55 km downhill, von 4.700 auf 1.200 Höhenmeter auf Crossbikes mit Federn in Vordergabel und Sitz.

Es dauert keine 20 Minuten bis wir durchnässt und durchgefroren sind. Irgendwie macht das doch keinen Spass. Die Hände spüren wir kaum noch. Der Klettverschluss meines Overals im Schritt ist defekt. Ich benötige dringend neue trockene Unterwäsche. Bei einem Früstücksstopp lernen wir eine effektive Art kennen, unsere Hände wieder aufzuwärmen. Die Arme am Körper entlang. Die Hände 90Grad nach außen abgespreizt. Nun die Schultern hochziehen und wieder nach unten Stoßen. Das im Rhythmus mehrfach und es gelangt sensationell schnell wieder Blut in die Finger.

Die speziellen engen (problematischen) Stellen der Strecke fahren wir erst nach eindringlichen Worten unseres Guides entlang. Der Blick über entsetzliche Abgründe hinweg in die Ferne ist sensationell schön. Einzig manch Kreuz am Wegesrand mit dem Hinweis auf teilweise junge Menschen die hier, auch als Radfahrer, ihr Leben ließen, sowie Auto- und Buswracks in der Tiefe verdeutlichen die traurige Geschichte dieser Strecke.

Je tiefer wir fahren um so angenehmer werden die Temperaturen. Der Himmel klart auf. Die letzten 40 km machen einfach Riesenspass. Wir sind gesamt 4 Stunden unterwegs. Es gibt nur kleine Pausen für Fotos oder Warten auf die ängstlicheren Radfahrer unserer Gruppe. Wobei ich stolz auf mein Mädchen bin, denn sie ist immer vorne dabei !!

Cooler Scheiss !!
Mutiges Mädchen.
Mutige Bande.
da geht’s lang..
Irgendwas muss ich wohl falsch verstanden haben…
…hauptsache sie freut sich !!
Das hat mal so richtig richtig Spaß gemacht !!

Am Ziel stehen Duschen und ein leckeres Buffet bereit. Ein toller Tag neigt sich. Diverse Muskel, incl. Sehmuskel wurden sehr strapaziert. Daher sei es verziehen, das wir auf der knapp 3-stündigen Rückfahrt alle einschlafen. Ein treffendes abschliessendes Wortspiel gab uns der Guide… ‚The Death Road is… unBoliviabel…‘. Recht hat er.

Den letzten Tag spazieren wir entspannt durch die Stadt.

Populärer Hexenmarkt.
Ob es ein Sinnbild für die Demokratie in Bolivien ist ?

Abends wartet wieder der Nachtbus auf uns. Diese Busbahnhöfe haben ihren eigenen faszienierenden Character. Er ist meist laut, chaotisch und zeigt mir wie fremd ich hier bin. Genau das bin ich, aber ich fühle mich gut dabei. Später im Bus kommen irgendwann alle zur Ruhe – es wird friedlich.

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